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Goldmedaille für Käse
Die erste deutsche Weichkäserei stand in Aufenau


Quelle: Gelnhäuser Tageblatt; Samstag, 2. Mai 1998
Von Jürgen Ackermann (Wächtersbach)
(Bilder: Sammlung J. Ackermann)

 

Leider ist sehr wenig über die Anfänge des Betriebes in Aufenau bekannt, der Pionier in der WeichkäseherstelIung für Deutschland war. Wir wüssten gerne mehr über seinen Gründer und warum er gerade in dem kleinen Kinzigtaldorf seine Fabrikation ansiedelte...
Nicolaus Adnot stammte aus der französischen Schweiz, war dort am 30. September 1798 geboren. Er lehrte als Professor an der Universität Gießen und war dort mit dem bekannten Chemiker Justus von Liebig befreundet. Die evangelische Pfarrchronik von Aufenau berichtet aus dem Jahre 1867, dass Adnot "nach ähnlichen, gescheiterten Versuchen an anderen Orten" seine Käsefabrik in Aufenau aufmachte. Er bezog das Gebäude, "in weIchem sich früher das von Forstmeistersche Gericht befunden hatte".


Der Fabrikationshof der Käserei Prinz in Aufenau

Das große Haus auf ehemals weiträumigem Gelände am Berg, gegenüber der alten in 1167 erstmals genannten Kirche, diente nach 1544, als die herrschaftliche Familie der Forstmeister von Gelnhausen sich in einen katholischen und einen lutherischen Zweig teilte, dem evangelischen als Wohnsitz. Der Katholische residierte auf Schloß Kinzighausen, das auf alten Landkarten als "Blaues Wunder" bezeichnet wird.
Das Anwesen am Kirchberg wurde nach dem Aussterben der lutherischen Forstmeister von Gelnhausen im Jahre 1747 Amts- und Verwaltungsgebäude. Im Jahre 1766 hatte ein Werber sein Büro dort, der deutsche Auswanderer aus der Umgebung im Auftrag der Zarin Katharina der Großen für die Ansiedlung in Rußland sammelte. Nachdem zu Beginn des letzten Jahrhunderts Aufenau zu Bayern kam, befand sich in dem Haus eine Zollstation. Und 1863 kaufte es Professor Adnot und nahm darin die Käseproduktion auf.
Er hatte mit seinen nach französischen Rezepten hergestellten Spezialitäten offenbar schnellen Erfolg. Die Pfarrchronik vermeldet: “Das Geschäft gedieh, der gute Wiesengrund gab Futter für einen reichen Viehbestand. Aufenau und Neudorf, früher arme Dörfer, werden jetzt von meistenteils wohlstehenden Bürgern bewohnt.“
Am 3. Juni 1869 starb Professor Adnot und fand, wie acht Jahre später seine Lebensgefährtin Carolina geborene Cloct, auf dem alten Aufenauer Gottesacker seine letzte Ruhestätte. Tochter Sabina war mit Johann Gottfried Reinhardt verheiratet, der das Unternehmen an Louis Prinz aus Wächtersbach verkaufte. 

Eine teure Rezeptur
Louis Prinz war durch sein ausgedehntes Handelsgeschäft zu Wohlstand gelangt. Allein für das "Geheimnis der Käsefabrikation" zahlte der reiche Mann nach Auskunft der Aufenauer Pfarrchronik 15000 Mark. Bei Übernahme der Käserei gab er seinem ältesten Sohn Heinrich Prokura. Das Unternehmen blühte unter dem Namen "Erste Deutsche Weichkäserei Nic. Adnot Nachfolger" mächtig auf, und die Geschäfte weiteten sich aus. Einzig der Mangel an Milch, dem wichtigen "Rohstoff" setzte dem Expansionsdrang Grenzen. Man hätte den Prinzens wünschen mögen, dass es jeden Tag eine Stunde Milch regnete.

Bescheidene Unternehmer
Die Qualität der Käseprodukte - Fromage de Brie, Neufchateller, Caprera und Victoria-Chester - fand höchste Anerkennung durch Auszeichnungen auf den Molkereiausstellungen in Berlin und München und im Jahre 1889 mit Goldmedaillen auf deutschen und internationalen Ausstellungen in Köln. Wie bescheiden dabei die Lebensansprüche blieben, erfahren wir aus den Aufzeichnungen eines Familienmitglieds: Sohn Heinrich Prinz und seine Frau Johanna geb. Walther unternahmen ein einziges Mal - mit Ausnahme des so dringend nötigen Badeaufenthalts für Johanna in Salzschlirf - eine kleine Reise zusammen: Nach Offenbach, um Heinrichs jüngsten Bruder Karl zu besuchen, der dort auf der Schule war. Johanna wurde ganz neu ausstaffiert, bekam ein schönes Kleid, einen feinen Mantel ,und einen neuen Hut. Bisher trug sie immer ein kurzes anschließendes Jäckchen und ein Spitzenkapottchen, auf das im Sommer eine Rose, im Winter eine gelbe Feder kam. Auch die Wohnung war bis auf das gute Zimmer sehr einfach hergerichtet.
Alles spielte sich in dem einen großen Wohnzimmer ab, da Heinrich alle einigermaßen entbehrlichen Räume zu Trockenstuben brauchte. Sogar als Badezimmer mußte das Wohnzimmer benutzt werden. Da wurde eine große runde Bütte hineingestellt und groß und klein plätscherte darin herum, bis der Fußboden oft schwamm.

Folgenschwere Ohrfeige
Heinrich Prinz machte sich im Jahre 1884 selbständig, indem er in Freiensteinau das Riedeselsche Gut pachtete, dort Kühe, auch Schweine, züchtete und die Milch zu Camembert französischer Art verarbeitete. Der kleinere Camembert, das sah Heinrich Prinz richtig voraus, hatte eine bessere Zukunft als der große oft drei Kilogramm schwere Torten-Brie, für dessen Versand fingerfertige Aufenauer Weidenkörbchen flochten. Der Grund für sein Ausscheiden aus der Aufenauer Stammfirma soll nach der Familiensaga eine Ohrfeige gewesen sein, die der damals 28-jährige Vater zweier Kinder von dem Firmenchef Louis Prinz bezog, weil er es gewagt hatte, ohne dessen Erlaubnis eine Reinkultur von Camembertschimmel zu beziehen. Seither bewirkte der wildwuchernde Milch- und Kellerschimmel die Reifung des Käses.

Ärger mit Frankreich
Mißwuchs und Dürre und die Beschränktheit des Milcheinzugsgebiets von Freiensteinau veranlassten Heinrich Prinz schon zwei Jahre später, eine Buttermolkerei in Gensungen im Edertal zu pachten, die er 1893 kaufte. Er begann dort mit zwölf Arbeiterinnen und Arbeitern und einer Anlieferung von 3000 Liter Milch. Durch die Tatkraft des Gründers entwickelte sich daß Werk zu einem der bedeutendsten deutschen Milchverarbeitungsbetriebe. Die "Camembert- und Milchzuckerfabrik Heinrich Prinz KG" in Gensungen belieferte jahrzehntelang den inländischen Markt mit dem beliebten "Prinz.Camembert mit der Krone". Im Jahre 1898 erwarb Heinrich Prinz mit seinem Vater und zwei Brüdern noch die Briekäserei Charles Hannion in Chevillon bei Metz, die nach Kurzel in Lothringen umsiedelte, wo sie Bruder Georg Prinz bis 1918 führte.
In Frankreich sah man die deutsche Konkurrenz mit Mißfallen. Charles Gervais verklagte 27 deutsche Hersteller vor dem Reichsgericht. Das Verfahren zog .sich von 1905 bis 1918 hin. Nach dem verlorenen Krieg durfte in Deutschland die Bezeichnung "Gervais" nicht mehr geführt werden. Seither verwendete man, auch in Aufenau, den Namen "Doppelrahmkäse", der mit seinen 60 Prozent Fett in der Trockenmasse fetter als der Käse nach französischem Originalrezept war.
Nach dem Auszug von Heinrich Prinz nach Freiensteinau musste sein Vater Louis Prinz nach Aufenau umsiedeln. Bisher hatte sich alles im Erdgeschoß des großen Hauses abgespielt. Links vom Flur befanden sich die Wohnräume, Küche und Büro, rechts die Käserei mit dem "Latorium", wie der rote Schorsch, das treue Faktotum sagte, und die Waschküche, wo Josef die Spundenbretter wusch. Er hatte einen Klumpfuß und fuhr mit seinem Eselswagen die versandfertigen Käse zur Güterabfertigung nach Wächtersbach. Louis Prinz baute das Haus am Käsberg wie das Anwesen jetzt vom Volksmund genannt wurde, zur Villa Blumenau aus, indem er das Gebäude aufstockte, und schuf dahinter moderne Betriebsanlagen. Am 16. Januar 1904 starb Louis Prinz. Die Aufenauer Käserei ging auf seinen jüngsten Sohn Karl und seinen Schwiegersohn Johann Heinrich Kautz, vordem Koch beim Fürsten lsenburg-Birstein, über. Als dieser am 31. Januar 1911 auf der Fahrt von Birstein nach Wächtersbach in dem Zug der Vogelsberger Südbahn starb, trat dessen zweiter Sohn Friedrich Kautz für ihn ein. Das Milcheinzugsgebiet für Aufenau und den Filialbetrieb in Bad Soden (bis 1913) umfaßte 20 Ortschaften, vornehmlich am Südhang des Vogelsberges. Die Aufenauer Pfarrchronik berichtet: "Trat Hochwasserein, so war Neudorf fast gänzlich von der übrigen Welt abgeschnitten. Nur auf dem Bahndamm konnte man trockenen Fußes nach einem anderen Ort gelangen. Aber die Neudorfer Männer und Burschen trugen selbst bei sehr hohem Wasserstand die Milch nach der hiesigen Käsefabrik, indem sie mit hohen Stiefeln oder auf Stelzen durch das Wasser gingen."
In der Zeit des "Dritten Reiches" teilte man die Liefergebiete für Milch neu ein. Es verblieben für die Aufenauer Käserei nur noch die vier Dörfer Aufenau, Neudorf, Weilers und Hesseldorf mit einer Tagesanlieferung von 2000 Liter Milch. Die Gründung der bäuerlichen Milchabsatzgenossenschaften nach dem Kriege bewirkte einen weiteren Rückgang der angelieferten Milchmenge, sodaß sich Günther Kautz im Jahre 1950 zur Verpachtung des traditionsreichen Betriebes an die Moha in Frankfurt am Main entschloss. Fünf Jahre später stellte man die Produktion am Ort ganz ein. Arbeitsplätze in der Region gingen an das Ballungsgebiet verloren, und vordem nach französischen Rezepten hergestellte, wegen ihrer Qualität häufig ausgezeichnete Käsespezialitäten kamen nicht mehr aus Aufenau.
Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Aufenau erwarb im Jahre 1959 Teile des Gartengeländes der ehemaligen Käserei und erbaute darauf ihr Gemeindezentrum mit Kirche, Pfarrhaus und Gemeinderäumen.

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