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Das "Käseprofessorchen" von Aufenau

Vor 100 Jahren begründete er die Villa Blumenau

v. Georg Rösch (1965)

 


"DerKäse verrät die Milch......", dieses alte lappländische Sprichwort mag den kleinen Gelehrten aus der französischen Schweiz, der seiner Zeit an der Gießener Universität Vorlesungen gab, bewogen haben, vor nunmehr 100 Jahren in der Gemeinde Aufenau im Kreis Gelnhausen eine Käserei zu begründen, die den Ruf der Qualitätsmilch aus dem Kinzig- und Brachttal weit in die Lande trug, Professor Nicolaus Adnot.
Das die saftigen Wiesen des Kinzig- und Brachttales beste Voraussetzungen für gute Milchprodukte seien, hatte ihm sein großer Zeitgenosse, der bekannte Chemiker Professor Justus von Liebig (1803-1873), mit dem Adnot befreundet war, anläßlich eines Besuches im Kinzigtal versichert.

Professor Adnot, der wie viele seiner Landsleute in Deutschland eine neue Heimat gefunden hatte, erwarb im Jahre 1863 in Aufenau das auf dem Berg gegenüber der Simultankirche gelegene frühere Forsthaus.
Es ist bedauerlich, daß über Adnot und seine Familie in den Kirchenbüchern beider Konfessionen in Aufenau weder Daten noch sonstige Aufzeichnungen zu finden sind. Die einzige authentische Quelle enthält die evangelische Pfarreichronik. Sie berichtet aus dem Jahre 1867, daß "nach ähnlichen, gescheiterten Versuchen an anderen Orten, ein Franzose (französischer Sprachlehrer!) Professor Nicolaus Adnot eine Käsefabrik in dem Gebäude, in welchem sich früher das v. Forstmeistersche Gericht befunden hat, begründete.

Den richtigen Namen des Professors kannten die meisten Bewohner des Dorfes kaum. Die Leute nannten ihn den "Käseprofessor".
Professor Adnot richtete in dem Anwesen der ehemaligen Herren von Forstmeister eine Weichkäserei modernster Art ein und gab dem historischen Gebäude als "Villa Blumenau" neuen Glanz.

"Das Geschäft gedieh", sagt die Pfarrchronik wörtlich, "der gute Wiesengrund gab Futter für einen reichen Viehbestand. Aufenau und Neudorf, früher arme Dörfer, werden jetzt von meistenteils wohlstehenden Bürgern bewohnt."
Die Villa Blumenau wurde Mittelpunkt Aufenaus, und aus dem Kirchberg, auf dem die Käserei stand, wurde in der Sprache des Dorfes der "Käsberg", der in wirtschaftlicher Hinsicht ein beachtlicher Faktor Aufenaus geworden war.
"Deutscher Weichkäse" war die Grundlage der Produktion. Darüber hinaus hatte "Adnots Fromage de Brie" guten Klang, jener Käse, dessen Urheimat die französische Landschaft gleichen Namens zwischen Seine und der unteren Marne ist. Als besondere Spezialitäten der "Villa Blumenau" waren die Frühstückskäse "Blauschimmel" und "Neuf Chartell" sehr begehrt.

Nicolaus Adnot, geboren am 30.9.1798, starb am 3.6.1869. Er fand in einem Familiengrab auf der höchsten Stelle des alten Aufenauer Gottesackers seine letzte Ruhestätte.
Das Grabmal des Begründers der Villa Blumenau ist von der Verwitterung nicht verschont geblieben. Trotzdem sind die Anfangsworte eines Nachrufes noch lesbar:

"Warum lieben wir das Leben und fürchten den Tod?
ist denn nicht der Tod ein Teil des Lebens?"

Neben ihm ruht seine Lebensgefährtin Corolina Adnot, geb. Cloct, die ihren Ehemann um acht Jahre überlebte und am 19. September 1877 verstarb. Die Eheleute hatten eine Tochter Sabina.

Nachdem durch den Krieg 1866 Bad Orb an Preußen gefallen war, findet man im Handelsregister des Amtsgerichts Bad Orb auch Aufzeichnungen über Aufenau. Daraus geht hervor, daß die Adnotsche Köserei am 21.6.1869 in den Besitz des Kaufmanns Johann Gottfried Reinhardt, Adnots Schwiegersohn, überging, der bereits ab 5.7.1867 Prokurist der Firma war. Sein Vater, Nicolaus Darius Reinhardt (geb. 4.10. 1807; gest. 18.10.1868) fand ebenfalls im Adnotschen Familiengrab in Aufenau seine letzte Ruhestätte.
Ein Jahr nach dem Tode von Adnots Ehefrau verkaufte ihr Schwiegersohn Reinhardt die Villa Blumenau mit dem Verfahren der Herstellung von Brie-Käse am 11.12.1878 an den Wächtersbacher Kaufmann Louis Prinz (geb. am 16.4.1835). Prinz, verheiratet mit Katharine Louise Albertine, geb. Kolb, besaß das Haus gegenüber dem Amtsgericht, das heute Rechtsanwalt Kribus bewohnt. Der Vater von Louis Prinz, Bürger und Specereiwarenhändler, stammt aus Altena in Westfalen, wo er am 1.12.1782 geboren wurde.
Louis Prinz, einer der sparsamsten, aber auch reichsten Leute der Stadt Wächtersbach, zahlte, laut Pfarreichronik, allein für das "Geheimnis der Käsefabrikation" 15000,-- Mark. Er hatte bei der Übernahme der Käserei, die er unter dem Namen "Nic. Adnot Nachfolger - Erste Deutsche Weichkäserei nach Französischer Art" weiterführte, seinem Sohn Heinrich Prinz Prokura erteilt.
Die Prinz'sche Käserei in Aufenau erlebte um die Jahrhundertwende ihre Hochkonjunktur. Zeitweise wurden im Betrieb 20 bis 30 Leute beschäftigt. Die Erzeugnisse vom "Käsberg" wurden mehrfach ausgezeichnet. Aufenau war mit Recht stolz darauf, daß die auf der P a r i s e r W e l t a u s s t e l l u n g vor der Jahrhundertwende ausgestellten Produkte mit Goldmedaillen ausgezeichnet wurden. Unter den verblaßten Papieren der heutigen Blumenau, die Louis Prinz vor der Jahrhundertwende zu ihrer jetzigen Größe aufstockte, befindet sich folgendes Diplom:

Internationale Ausstellung
für Kochkunst, Conditorei, Fleischerei, Bäckerei, Getränke, Fachliteratur sowie zur Ernährung und Armeeverpflegung
1889 CÖLN 1889
Herrn Louis Prinz, Villa Blumenau, wurde die G o I d m e d a l l i e verliehen.

Es liegt nahe, daß die französischen Käsereien auf die deutsche Konkurrenz nicht immer gut zu sprechen waren. So schlug nach der Jahrhundertwende der sogenannte "Gervais-Prozeß" große Wellen, in dem 27 deutsche Herstellerfirmen von Carles Gervais, Paris, wegen der Gervais-Namensführung verklagt wurden. Das Verfahren wurde bis an das Reichsgericht anhängig und zog sich von 1905 bis 1918 hin. Nach dem verlorenen Krieg bestimmte der Versailler Vertrag die Einstellung der Gervais-Fabrikation in Deutschland. Danach stellte man in Deutschland und besonders auch in Aufenau anstatt des "Gervais" einen ausgezeichneten "Doppelrahmkäse" mit 60 % F.i.T. (Fett in Trockenmasse) her.

Louis Prinz verstarb am 16.1.1904. Bei seinem Tode soll er seinen Kindern je ein Bar-Vermögen von 85000.-- Gold-Mark hinterlassen haben. Der Betrieb ging in die Hände seines Sohnes Carl Prinz (geb. 26.7.1877, gest. 13.5.1928) und seines Schwiegersohnes Joh. Heinrich Kautz, ehedem Mundlkoch des Fürsten zu Isenburg-Birstein, über.
Joh. Hch. Kautz (geb. 9.4.1852 in Birstein) verstarb am 31.1.1911 in der Gelnhäuser Kreisbahn auf dem Weg von Birstein nach Wächtersbach. Nachfolger wurde sein 2. Sohn Friedrich Kautz (geb. 5.8.1885, gest. 1.11.1950). Bis zur Verpachtung an die "Moha" in Frankfurt/Main führte Günther Kautz (heute in Fa. Kraft G.m.b.H. in Frankfurt/M.) die Geschäfte der Firma. 1955 wurde die Aufenauer Produktion völlig eingestellt.

Vor dem ersten Weltkrieg hatte der Betrieb eine tägliche Anlieferung von ca. 5000 Liter Milch, die gemeinsam mit einem Nebenbetrieb in Bad Soden-Salmünster verarbeitet wurden. Der Betrieb Bad Soden gehörte bis 1913 zur Firma. Hergestellt wurden: Brie, Neuf-Charteller, Frühstückskäse Caprera (Art Camembert mit Blauschimmel), Gervais und bis 1942 deutsche Molkereibutter. Der Warenabsatz erstreckte sich über Deutschland hinaus nach Schweden und Italien.
Die Produkte waren auf allen deutschen und vielen internationalen Ausstellungen seit 1879 vertreten. So auf den Deutschland-Ausstellungen in Berlin, München, Magdeburg, Köln usw. Die Aufenauer Erzeugnisse wurden mit zahlreichen "besten" und "ersten" Qualifikationen und Goldmedaillen ausgezeichnet.
Das Milch-Einzugsgebiet umfaßte rund 20 Ortschaften, die größtenteils am südlichen Teil des Vogelsberges liegen. Die Chronik der Aufenauer evangelischen Pfarrei von 1906 berichtet. "Trat Hochwasser ein, so war Neudorf fast gänzlich von der übrigen Welt abgeschnitten. Nur auf dem Bahndamm konnte man trockenen Fußes nach einem anderen Orte gelangen. Zwar trugen die Neudorfer Männer und Burschen selbst bei sehr hohem Wasserstand die Milch nach der hiesigen Käsefabrik, indem sie mit hohen Stiefeln oder auf Stelzen durch das Wasser gingen.

Nach Neueintellung des Einzugsgebietes im Dritten Reich verblieben der Käserei nur noch 4 Ortschaften (Aufenau, Neudorf, Weilers und Hesseldorf) mit einer Gesamtanlieferung von 2000 liter täglich. Nach 1945 ging diese Menge bis September 1949 durch Gründung von bäuerlichen Milchabsatzgenossenschaften auf etwa die Hälfte zurück, so daß nach Abzug der Frischmilchmenge nur etwa 600 Liter zur Weichkäseherstellung verblieben.
Käse-Weibchen gingen vor )Jahren mit ihren Körben und "Kiezen" in unseren. Orten von Haus zu Haus und boten ihren "Käse aus Aufenau" an. Sie gehören ebenso der Vergangenheit an, wie die "Geschirrwagen aus Schlierbach", die einstrnals über die Lande fuhren, um Wächtersbacher Steingut in den Dörfern zu verkaufen. Aus der Vorkriegszeit ist der älteren Generation die "Gescherr-Marie" aus Hesseldorf, Frau Marie Eckert, bestens bekannt. Sie fehlte auf keiner "Meerholzer Kerb."

Das Auf und Nieder der letzten Jahrzehnte hat der Villa Blumenau vieles von ihrem einstigen Glanz genommen. Um den Käsberg wurde es still. Dadurch verloren auch viele Einwohner ihre gut bezahlte Heimarbeit, denn zahlreiche Familien in Aufenau stellten die Weidenkörbe für den Versand der ca. 3 kg schweren Brietorten sowie die Strohmatten und -horden für ihre Lagerung her.
In Gensungen bei Kassel lebt die Prinz's'che Tradition noch fort. Dort besteht seit 1894 die Heinrich Prinz-K.G., Käserei und Milchzuckerfabrik, deren Spitzenerzeugnis der "Prinz-Camembert mit der Krone" ist.
Heinrich Prinz, der Sohn des Aufenauer Firmeninhabers, begründete 1894 das Werk, nachdem er sich zwei Jahre zuvor in Freiensteinau, wo er den ersten Camembert nach französischer Art herstellte, selbständig gemacht hatte. Die Familiengeschichte weiß zu berichten, daß der Grund seines Ausscheidens aus der Aufenauer Stammfirma in einer Ohrfeige zu suchen ist, die der damals Vierundzwanzigjährige, Vater von 2 Kindern, vom Firmenchef Louis Prinz bezog, weil er es gewagt hatte, ohne dessen Erlaubnis eine Reinkultur von Camembertschimmel zu beziehen. Bislang besorgte der wildwuchernde Milch- und Kellerschimmel die Reifung des Käses.
Hervorgegangen ist weiterhin aus dem Betrieb Aufenau die Firma Georg Prinz, lllinois, USA, die sich später in Kurzel (Lothringen) ansiedelte.

1959 bzw. 1964 wurde die Blumenau, die für die deutsche Molkerei- und Käsewirtschaft von traditioneller Bedeutung war, verkauft.
Aus dem historischen Gebäude ist ein zeitgemäßes Gästehaus geworden. Das Anwesen, das 1716 seine jetzige Form erhielt, war später der Sitz einer Zollstelle für die nahegelegene bayrische Zollgrenze. Anfang des 19. Jahrhunderts fand das Haus als Bauernhof Verwendung.
Die Stätte auf dem Kirchberg soll dereinst Sommerresidenz der Herren von Forstmeister gewesen sein, deren Hauptsitz die W a s s e r b u r g K i n z i g h a u s e n b e i N e u d o r f war. Oft vom Hochwasser gefährdet, war Kinzighausen bis ins vorige Jahrhundert mit Wall und Graben umgeben; der Volksmund wob um diesen geheimnisvollen Herrensitz die bekannte Sage vom "Blauen Wunder".

Auf dem Gartengelände der ehemaligen Käserei, das 1959 von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Aufenau erworben wurde, entsteht gegenwärtig das Gemeindezentrum des evgl. Kirchspiels Aufenau mit Kirche, Pfarrhaus und Gemeinderäumen.

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