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ALLERLEI KUMMER MIT............... KÄSE

Betrachtung über ein altherkömmliches Nahrungsmittel

Friedr. Wilh. Schluckebier

 


Zu den heimatlichen Ausdrücken, die gebraucht werden, wenn wir wieder mal nicht wissen, was wir unserem verehrten "Herrn Magen" anbieten sollen, gehört das "geistvolle" Wort: "Herz, was begehrst du, Schmierkäs' oder Latwerje?" Der Käse ist mit dieser literarischen Erwähnung im gewissen Sinne hoffähig geworden: der eine mag ihn gern, der andere haßt ihn und der dritte kann ihn nicht ausstehn.

Wer viel durch die Lande geht, bekommt oft Ärger ...........

"Hawwe Sie vielleicht in ebbes gedabbt?" herrschte mich einmal im schönen alten Büdingen ein bejahrter Gasthalter nahe am Jerusalemer Tor an, der dort neben seinem großartigen Apfelwein erstklassigen Schinken und noch delikatere Zervelatwurst feilhielt, und der daher auf das Zeug, nach dem es in seinem Gastzimmer so penetrant roch, als ich drin war, aber auch nicht den allergeringsten Wert legte.
Der von ihm gerügte Geruch, der aber auch eine Qual war, kam aus meiner Ecke.
Ein Mann machte eben den erbosten Gasthalter auf die schöne Musik der Feuerwehrkapelle draußen aufmerksam. "Hör nor emol, Alwert, wie die den Jäger-Marsch' hiehlege, es Herz duht richtig ahm druttele!" Er meinte es gut und wollte den Herrn Gastwirt ablenken.
"Gott, was nutzt mich dess Gebloos, wann's hier riecht, wie bei de vegiftete Affe?" rief der Haushalter wieder. Er rückte mir, der ich mich in seinem Lokal, das mir der Bürgermeister P. von Meerholz so herz- haft empfohlen hatte, stärken wollte, weiß Gott auf den Pelz! Der Mann meinte mich!! Er kam dem Tisch bedrohlich näher. Ich hatte einen roten Kopf wie ein Prüfling, dabei wollte ich in den nächsten 10 Minuten zu einer Veranstaltung. Aber ich, der jüngste Fremde in dem Lokal, hatte beileibe keine Schuld an dem in kleinen Wolken aufsteigenden Geruch: Vielmehr hatte ein Reisender aus der Wetzlarer Gegend vor ungefähr einer Viertelstunde ein Paket Qualitätskäse unter den Tisch gestellt und war zu einem kurzen Gang in die nächste Gasse gestartet.
"Ich frage Sie wahrhaftig noch emol", sagte der Wirt, "hawwe Sie in ebbes gedabbt oder iss Ihne en verreckte Spatz ins Hosebah gekroche? Wann Sie mit ihrm haarsträubende Burras nett mache, daß Sie hunnertprozentig enauskomme, verklag ich lhne wege Geschäftsschädigungl"

Da kam mein Retter, der Eigentümer des Pakets. Er sagte gleich: "Da misse Se eawwr mich verklage und nett den Herr! Der hat nur emol uff mein Schdinkudarus uffgebaßt, solang ich ins Schloß gelaafe wohr!"' Mir war der Hals bis obenhin zu, ich machte, daß ich fortkam, denn mit echtem "Hüttenberger" kann ja doch keiner um die Wette stinken! Daß der Mann aber von dieser Edelware verkaufte und dazu noch diesem Gastwirt, das brachte mir bald das Gemüt ins Wanken.
Als sich dieses abgespielt hatte, zeigte der Kalender den Frühsommer 1925 und der Käse lag mir längst, längst aus einem ganz anderen Grunde im Magen. Keinen Käse mehr zu essen, hatte ich mir schon vorgenommen, als ich, vor jetzt 50 Jahren, mit der bunten Gelnhäuser Schulmütze angetan, zur Schule ging. Da hatte sich an einem schönen Morgen, als es dem Frühling zuging, die folgende schreckliche Geschichte ereignet.

Die Schar der von auswärts kommenden Schüler schob sich, von der Bahn kommend, wie allmorgendlich durch das "Ziegeltor". Da begab sich ein ambulanter Käsehändler mit seiner handlichen, aber wohlgefüllten Kiste und seinem derben Knotenstock auf den Handel. Diesen Mann, der kein Adonis war und zu Hause bescheiden mit seiner Mutter lebte, ließen die Buben öfters nicht in Ruhe.
"Mutter, es liegt eene Jatz im Bettel' schrien die Schüler, sobald sie des Mannes in seiner dunklen Joppe ansichtig wurden. Die Jungen, einerlei aus welchen Orten des weiten Kreises sie kamen und ob ihre Schulkenntnisse auf starken oder schwachen Füßen standen - mancher hatte schon seine Last mit den höheren Wissenschaften! - hier führten sie der Allgemeinheit eine heroische Chorleistung vor. Weithin hallte es: "Mutttööörr! Es liegt..." Was noch weiter folgte an Worten, ist bekannt, was aber an Geschehnissen folgte, war verhängnisvoll, denn gleich darauf gab es einen Schreckensschrei.

Der erboste Händler, Mittelpunkt eines Geschehens, an dem Hunderte teilnahmen, hatte sich am Ziegelturm mit seinem handfesten Knüppel auf den ersten ihm erreichbaren Schüler gestürzt und erwischte ausgerechnet denjenigen von ihnen, der sich am allerwenigsten an dem läuten Chorgesang von der "Mutter" und der "Jatz im Bette!" beteiligt hatte. Es war mein Freund gewesen, mein guter Freund aus der "Residenz" Meerholz. Hageldicht prasselten die Hiebe des rasenden Mannes auf das wirklich unschuldige Haupt des Buben, Die Schülermütze flog unter den Schlägen vom Kopf des Jungen, Blut quoll auf, Schreie ertönten, aber der erboste Käsehändler beendete nicht sein Schreckenswerk. Der Bub flüchtete - der andere hinterher. Als Retter erwies sich ein biederer Gelnhäuser Handwerksmeister, der an dem damals gerade entstehenden "Cafe‘ Storck" arbeitete. Seinem mutigen Eingreifen war es zu verdanken, daß der schwerblutende Meerholzer Schüler sich in Sicherheit bringen konnte. Dieser Handwerker, dessen Name mancher Gelnhäuser Leser schnell errät, warf sich beherzt dem Rohling entgegen und hinderte ihn an weiteren Gewalthandlungen. Er sorgte aber auch nicht zuletzt dafür, daß ich einen blanken Abscheu vor Käsehandel und Käse bekam. Jahre hindurch wollte das Zeug nicht mehr an mich. Erwähnen muß ich aber noch, daß der Heißsporn von Knüppelträger vom Gelnhäuser Amtsgericht damals eine ganz saftige Quittung bekam und daß seine etwas törichte Einwendung: "Allerdings, - die Jungens haben mir auch gescholten!" ihm recht wenig geholfen hat. Für mich war damals der Käse abgemeldet.

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