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Das Kirchspiel Aufenau und die neue Doppel-Kirche Neudorf

v. Martin Schäfer


  
Die Siedlung Aufenau wird schon 886 (R. 1, 36) als Huwenowa und Ort an der Grenze des Kirchenspiels Salmünster genannt. Die Basilica Uvenowe finden wir dagegen 1167 (R. 1, 101) mit allen Zubehörungen unter den Besitzungen des Klosters Schlüchtern erwähnt. Die Siedlung Aufenau gehört sprachlich zu den sog. "-aha-Orten" wie Steinaha, Aldaha, Orbaha, Haselaha und Mittelaha im Kinziggebiet, aus der Zeit um 600 stammend.
Die Mutterkirche Aufenau besaß ursprünglich neben den beiden Orten Neudorf und Zum Hain (
U) auch Wächtersbach als Filial. Am 28. April 1433 gestattete der Generalvikar des Erzbischofs Conrad von Mainz, da der Ort Wächtersbach mehr als eine Meile wegs seiner Matrix Ubenawe entfernt und bei Überschwemmungen nicht ohne Gefahr zu erreichen sei, daß in der Kapelle zu Wächtersbach die Taufe u. a. Sakramente verwaltet werden durften, was der Pleban (Pfarrherr) zu Aufenau bis dahin nicht zugegeben hatte. Im Januar 1435 trennte der Generalvikar formal "die Gemeinde des Tales Wächtersbach von der Pfarrkirche zu Ubenawe und bestimmte, daß dafür dem jeweiligen Pfarrer zu Aufenau jährlich 5 Geldgulden Entschädigung von Wächtersbach zu zahlen sei." 1497 erhielt die Kapelle zu Wächtersbach für den Frühmesser "die Werewiese bei Uffenaw u. die Pfohlwiese, an die Bracht stoßend, bei Neudorf." Damit ist das hohe Alter der Pfarrei Aufenau und ihre Unabhängigkeit von der Pfarrei Orb bewiesen.

Von der alten Basilica der Mutterkirche Aufenau ist nichts erhalten. Auch die mittelalterliche spätgotische Kirche, ein Bruchsteinbau, hatte ein flachgedecktes Schiff ohne Strebepfeiler und einfache spitzbogige, profilierte Fenster. Der etwas schmalere Chor war dagegen bis zum Umbau 1755 mit zwei Strebepfeilern versehen. Auch seine Gewölbe fielen dem Umbau zum Opfer. Der alte Turm mit quadratischem Umriß steigt ohne Gesims vor der Westseite der Kirche auf; "die südliche Tür ist spitzbogig, die nördliche noch rundbogig, mit feinen Rundstäbchen geziert." (Bickell); "bei Restauration allerdings spitzbogig freigelegt." Bickell meinte die Trauungstür an der nördlichen Seite. Auch das Zwiebeldach mit seiner Hohen Laterne, die ein gut geschmiedetes Kreuz schmückt stammt aus dem Urnbaujahr 1755.

Heute noch halten beide christliche Konfessionen in dieser Pfarrkirche auf Grund eines Vertrages aus dem Jahre 1683 ihre Gottesdienste ab. Der Seitenunbau ist unterteilt in zwei Räume:- eine evangelische und eine katholische Sakristei, mit eignen Zugängen von außen und nach der Kirche. Das evangelische Pfarrhaus steht an der Nordseite, das katholische an dem Ostrande des kleinen Kirchhofes. Diese Simultankirche enthält jetzt auch wieder ein Triptychon. B. Stuhl versuchte zu beweisen (Gelnh. Jahrb. 1958, 44), daß offenbar Diether Forstmeister v. G., der Dekan des Stiftes St. Alban zu Mainz, es vor seinem Tod 1497 gestiftet hat. Nach dem Umbau von 1762 kam an seine Stelle ein Barockaltar. Das Mittelstück hing bis 1889 im kath. Pfarrhaus; die zwei Seitentafeln waren im gleichen Hause aufbewahrt. Der Landeskonservator hat den Altar angeblich aus Kriegsgründen 1490 aus dem kath. Pfarrhaus mit Zustimmung der bischöflichen Behörde von Fulda entfernen lassen. Restauriert wurden die Teile des Altares im Auftrage des kath. Kirchenvorstandes im Landesmuseum zu Darmstadt für etwa 6000DM.
Die neue Doppel-Kirche für die Filialgemeinde Neudorf wurde notwendig, weil die Kirchengemeinden sich stark vergrößert hatten.

Noch im Jahre 1824
zählten Aufenau 125 Familien. mit 563 Katholische und 176 Evangelische
 = 751 Einwohner

Neudorf 52 Familien mit 107 Katholische und 152 Evangelische
 = 259 Einwohner.

1949 hatten Aufenau und Neudorf 1067 Katholische und 420 Evangelische, zusammen 1487 Einwohner.

Heute ist die Zahl der Einwohner auf über 1500 gewachsen. Nach Angaben des evangelischen Pfarrers Friedrich Malkemus zu Aufenau wurde der Gedanke an einen eigenen Kirchbau in der Gemeinde Neudorf schon seit Jahrzehnten erwogen. Im Frühjahr 1958 versuchten die drei benachbarten Gemeinden Neudorf, Weilers und Hesseldorf, an der Straßenkreuzung, genannt Kreuzweg, zwischen den Gemeinden gemeinsam einen Kirchbau zu erstellen. Aus mancherlei Gründen zerschlug sich das Projekt, besonders deshalb, weil Neudorf die alten Zusammenhänge mit der Pfarrei Aufenau bzw. Wächtersbach nicht zerreißen und alte Rechte nicht aufgeben wollte.

Da kamen am 7. März 1959 zwei Männer der evangel. Gemeinde in Neudorf, Bürgermeister Georg Simon und Kirchenältester Otto Schröder zu ihrem Pfarrer Malkemus und überbrachten den Vorschlag, aus den Erlösen eines großen Holzverkaufes aus dem Gemeindewald (ein orkanartiger Sturm hatte am 1. August 1958 Hunderte von Bäumen entwurzelt) in Neudorf eine Kirche zu bauen aus Dank dafür, daß die Gemeinde vor größerem Unheil bewahrt geblieben sei. Die Kirche solle allen Gliedern der Gemeinde dienen, katholischen wie evangelischen. Zunächst schätzte man den benötigten Betrag auf 40.000,- DM. Nach Fühlungnahme mit dem evangl. Landeskirchenamt in Kassel sowie dem kath. Geistlichen Hauck und dem Kirchenvorstand von Aufenau wurde dem Vorschlag auf einer öffentlichen Versammlung am 13. April 1959 zugestimmt. In der Gemeindevertretersitzung am 15. Mai 1959 wurde folgender Beschluß gefaßt:

Die Gemeinde Neudorf beschließt den Bau einer Doppelkirche mit einem Turm und zwei Kirchenräumen nach dem vorbildlichen Kirchenbau in Lettgenbrunn. Die Gemeinde stellt für den Gesamtbau, berechnet für ein Einwohnerverhältnis von 62 % Evangelischen und 38 % Katholiken, 50.000 DM und das notwendige Rundholz aus ihrem Wald. Die Gemeinde erwartet, daß die ev. Landeskirchenverwaltung in Kassel und die Diözesanverwaltung in Fulda anteilgemäß zum Kirchenbau beisteuern. Die Gemeinde erwarb außerdem das ausgesuchte Baugrundstück in Größe von 3200 qm am sog. Dreschplatz.
Schon am 20. November 1959 wurden in einer Besprechung, an der Vertreter des Landeskirchenamtes zu Kassel und des Bisch. Ordinariats zu Fulda teilnahmen, die von Herrn Kirchenbaurat Maurer aus Kassel vorgelegten Baupläne genehmigt. Sie entsprachen sowohl räumlich als auch hinsichtlich der Baugesinnung den Wünschen beider Kirchengemeinden.

Auf dem erhöht liegenden Kirchenplatz erstanden ein fünfeckiger Kirchenraum für die evangelische und ein rechteckiger für die katholische Gemeinde, beide Kirchenräume in einem stumpfen Winkel aneinandergesetzt. Der davorliegende Vorhof ist über eine Freitreppe und durch den Torbogen unter dem Campanileturm zu erreichen. lrn Blickpunkt liegen nun beide Kirchenräume jenseits des großen Vorhofes. So wurde die Absicht der Gemeinde, für beide Kirchengerneinden eine geschlossene Kirchbauanlage zu schaffen, sinnvoll durchgeführt. Die den gesamten Kirchbau umlaufende Gesimskante, ein Betonringanker, betont symbolisch das Band, das die christlichen Gemeinden umschließt. Ebenso soll die Reihung der Fenster diesem Gedanken dienen.

Die innen 7 m hohen Kirchenräurne sind so aneinandergefügt, daß ihre Front mit den beiden Hauptkirchentüren als einheitlich erscheint, sobald man über die Freitreppe unter dem Glockenträger hin den Vorhof erreicht, der durch eine Stützmauer eingefaßt ist. Auf Betonfundamenten wurden die Außenmauern der Kirchenräume aus Ziegelstein errichtet, die außen sichtbar gefugt und innen hell verputzt sind. Die Dachkonstruktionen bestehen aus Holz und sind innen mit französischer Kiefer verkleidet. Eingedeckt wurde das Dach mit Kupferfolie. In den Gängen der Kirchenräume liegen Spaltklinkerböden; die Eingangstüren sind mit Waschbeton umrahmt. Für die Innenausstattung der Kirchenräume verblieb der freiwilligen Mitwirkung beider Kirchengemeinden großer Spielraum.
Auch das Vierergeläut wurde in Auftrag gegeben, so daß es zur Einweihung fertig war. Zu den Kosten der 4 Glocken und der elektrischen Läutanlage hat die politische Gemeinde die Hälfte der Kosten beigetragen. Für den evangelischen Kirchenraum ist eine fünfregisterige Orgel bei der Orgelbauanstalt Bosch, Kassel, in Auftrag gegeben und wird Ende des Jahres 1962 eingebaut werden können. Zur Orgel haben 2.500.- DM die Gemeinden des Sprengels Hanau und 8.000.- DM die Landeskirche beigetragen. So wird sie die Gabe der brüderlichen Verbundenheit mit den übrigen Gemeinden sein.
Es kann nicht genug lobenswert hervorgehoben werden, daß der jahrhundertelange Besuch der Simultankirche Aufenau die Bewohner Neudorfs innerlich dafür bereit machte, an den Bau einer Kirche für ihr Dorf nur gemeinsam heranzugehen und ihm auch äußerlich die gemeinsamen Symbole christlichen Denkens und Tuns aufzuprägen. In einer Zeit, in der man sich staatlicher- und kirchlicherseits zu einer Förderung einer "Woche der Brüderlichkeit" veranlaßt sieht, ist es gewiß angebracht, solche Vorbilder aus der Vergangenheit unserer Heimat besonders zu betrachten und lobend hervorzuheben.

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