zurück

Image by FlamingText.com

Eine Tür, dort wie hier


Seit 1683 Simultankirche in Aufenau

Zum besseren Verständnis der kleinen Geschichte muß vorausgeschickt werden, daß Aufenau zwei Pfarrer hat, einen für die evangelischen und einen für die katholischen Gläubigen.

- Daran ist doch nichts besonderes, wird der Leser meinen, das ist doch selbstverständlich. -

Weniger selbstverständlich ist aber, daß beide Konfessionen seit dem Jahre 1683 die Kirche gemeinsam für ihre Gottesdienste benutzen. Seit dieser Zeit ist das Aufenauer Gotteshaus eine der wenigen Simultankirchen in Deutschland. Nicht immer ist das Verhältnis zwischen beiden Konfessionen so duldsam gewesen wie heute.

Die folgende Geschichte erzählt,wie einer der ehemaligen Grundherren von Aufenau, ein Freiherr von Forstmeister, den beiden Geistlichen in dieser Beziehung eine prächtige Lektion erteilt hat.

Der alte Freiherr von Forstmeister von und zu Gelnhausen muß ein Mann mit großem Verständnis für das menschliche Zusammenleben gewesen sein. Er war Herr der Dörfer Aufenau und Neudorf, des Fleckens Niedersteinbach im Kahlgrund und Patronatsherr der Kirche zu Aufenau. Straffe Zucht hielt er in seinem kleinen Land. Seine Eigenschaft, immer dann zu erscheinen, wenn es für seine Untertanen nicht gerade vorteilhaft war, machte ihn mehr gefürchtet als beliebt.

Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1727 fuhr er mit seiner Frau bei klirrendem Frost im hohen Schnee mit dem Schlitten von seinem Schloß Kinzighausen nach Aufenau zum Gottesdienst. Nicht lange vorher hatte er die Nachricht erhalten, daß sein Sohn als Kadett bei der Verteidigung einer Festung in Holland gefallen sei. So können wir verstehen, daß er an diesem Tage mit der Welt unzufrieden war. Dazu kam noch das schlechte Wetter, das dem alten Herrn sehr zusetzte. Die Stimmung des Freiherrn paßte also gar nicht zum Weihnachtsfest. Sie änderte sich auch nicht, als er im "Herrenstuhl" der kalten Kirche Platz nahm und den Worten des Predigers über das Thema "Friede auf Erden" lauschte.

Die Bauern sahen die düstere Miene ihres Grundherren und jeder versuchte, nach den Wünschen zum Fest am Schluß des Gottesdienstes so schnell wie möglich zu verschwinden. Der Platz vor der Kirche war leer, als sich der Herr von Forstmeister wieder mit seiner Frau zum Schlitten begab. Aber hinter den Fenstern der Wirtschaft, dicht an der Kirche, sah man die Gesichter der Neugierigen, die die Abfahrt der Herrschaften beobachten wollten. Die gnädige Frau Baronin hatte bereits Platz genommen. Doch was war das? - Laute Stimmen drangen aus der Kirche. Wieder einmal stritten die beiden Geistlichen. Keiner von diesen merkte, daß der Freiherr deshalb zurückgekommen war und ihnen zuhörte. Den einen geistlichen Herrn hinderte der Taufstein, das Gotteshaus auf den kürzesten Weg durch eine kleine Seitenpforte zu betreten. Der andere wollte einem vorgeschlagenen neuen Platz für den Taufstein nicht zustimmen.

"Friede auf Erden", so habt ihr heute gepredigt, dachte der Patronatsherr, "und was tut Ihr? - Für mich ist dieses Wetter auch nicht gerade bequem, und ich bin doch den viel weiteren Weg zur Kirche gekommen. DieGeistlichen wohnen an der Kirche und doch will einer einen noch kürzeren Zugang haben. Wartet, Euch will ich es zeigen !" Mit schnellen Schritten eilte er auf die Streithähne zu, die wie erstarrt standen, riß dem einen den Schlüssel zur Tor aus der Hand, verschloß die kleine Pforte und herrschte die Pfarrer an –"Wollt Ihr zu einer Himmelstür eingehen, so geht auch durch eine Tür in die Kirche!" Den Schlüssel steckte er ein, verließ das Gotteshaus und fuhr heimwärts. Auf der Kinzigbrücke ließ er anhalten und warf den Schlüssel ins Wasser.
Nie mehr benutzte man seit dieser Zeit die kleine Tür. 


Foto: Korn Dieter, 2002

Bei der Renovierung der Kirche im Jahre 1891 wurde sie zugemauert. Nur noch an der Außenwand kann man erkennen, dass dort einmal ein Eingang war.

Diese kleine Geschichte klingt herüber in unsere Zeit. Ohne Kommentar steht sie hier.
  - So war es damals. - Sie scheint es mir aber wert zu sein, hier niedergeschrieben zu werden.

Benno Stuhl

 

nach oben - zurück