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Eine Simultankirche für Protestanten und Katholiken
Bischof Algermissen besucht 250. Weihetag der Aufenauer Pfarrkirche

Gelnhäuser Neue Zeitung; Montag, 19. September 2005
Die Aufenauer Pfarrkirche "Zur Schmerzhaften Mutter Gottes" feIerte gestern ihren 250-jährigen Weihetag. Anlässlich dieses besonderen Ereignisses begrüßten die Pfarrmitglieder und Gemeindemitglieder den Bischof der Diözese Fulda, Heinz Josef Algermissen.
Ein Teil der Gemeinde mit dem: Bläserchor des Musikvereins Salmünster erwartete Bischof Algermissen in der Marienstraße, wo der Vorsitzende der Aufenauer Kolpingsfamilie, Robert Kraus, eine über aus freundliche und warmherzige Begrüßungsrede hielt: "Ich begrüße Sie aIs Bischof - als unseren Bischof. Herzlich willkommen im Namen aller Christen dieses Dorfes." Monsignore Franz Koska nutzte die Gelegenheit, um Bischof Algermissen Gäste aus der Gemeinde und Politik vorzustellen, darunter Aufenauer Ortsvorsteherin Angelika Schaub sowie Bürgermeister Rainer Krätschmer mit Gattin Fatima. Gekonnt hatte Algermissen im Gespräch mit Krätschmer um die weltlichen Dinge auch die an diesem Tag stattfindenden Wahlen im Fokus. Dabei vertrat Algermissen den Standpunkt: "Wer nicht wählt, wählt genau das Gegenteil von dem, was er will." Auch der evangelische Pfarrer Matthias Fischer und die evangelische Kirchengemeinde von Aufenau waren herzlich eingeladen, am Gottesdienst in der Pfarrkirche zum Weihetag teilzunehmen.
Und dieser Umstand war einige Jahrhunderte prägend für die Aufenauer Kirchengeschichte, denn ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gab es in Aufenau ein Nebeneinander der katholischen und protestantischen Gemeinde. Beide nutzten die Kirche bis im Jahre 1649 der katholische Lukas Heinrich seinem protestantischen Bruder Johann das "halbe", Patronat abkaufte. Den lutherischen Gläubigen wurde nach diesem Kauf der Kult in der Aufenauer Kirche untersagt was aber dennoch weiterhin heimlich untermauert wurde. Mit dem Jahr 1680 ereignete sich allerdings wiederum ein Wandel, denn nun kaufte die lutherische Seite ihr verkauftes Patronatsrecht zurück. Mit gleicher Vehemenz wie vorher wurde ab Kaufvertrag den Katholiken der Zutritt zur Kirche verboten. Dem Hin und Her wurde endlich am 23. November 1683 mit einem Vergleich geholfen. Verhandlungen mit dem Mainzer Kurfürst und protestantischen Reichsrittern sahen künftig die Nutzung der Aufenauer Kirche durch beide Konfessionen vor. So war mit Beginn des Neubaus bis 1964 die Aufenauer Kirche eine Simultankirche, eine in dieser Form wirkliche Besonderheit des Kinzigtals.
Eine Weitere Besonderheit der Aufenauer Kirche ist der spätgotische Flügelaltar. Ein Prachtaltar, der die Krönung der Gottesmutter Maria als zentrales Motiv hat. Die Herkunft und der Maler sind bis heute nicht ermittelt oder umstritten - vermutlich entstand er aber im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts. Die Kirchenbrände, die sich 1576 und 1755 ereigneten, aber auch Umwelteinflüsse und ein wenig gutes Raumklima in der Kirche setzten dem wunderschönen Altar zu. Er wurde demontiert. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er wieder aufgestellt, wobei die folgenden Restaurierungen mannigfach waren. Monsignore Franz Koska hatte seinerzeit alle Hände voll zu tun, das Schmuckstück vor dem endgültigen Zerfall zu bewahren.
Eine weitere Besonderheit: die Ratzmann-Pfeifenorgel aus dem Jahr 1880. Lange Zeit konnte die Orgel nicht gespielt werden, da Feuchtigkeit und Holzwurm ihr arg zugesetzt hatten. Die Restaurierungsarbeiten dauerten zwei Jahre mit der Prämisse, die Orgel zu restaurieren und zu rekonstruieren, wie sie tatsächlich im Jahre 1880 erbaut wurde. Im Turm befindet sich ein elektrischer Windmotor, der durch einen Kanal mit Kammern die Luft aus dem Kircheninnern ansaugt und den Wind zur Kastenbalganlage in der Orgel abgibt. Die Aufenauer Kirche "Zur Schmerzhaften Mutter Gottes" ist ein wahres Schmuckstück das auch viele Erinnerungen birgt. Auch Bischof Algermissen sprach in seiner Rede vor Erinnerungen, .aber auch davon, dass "die Aufenauer Gemeinde künftig auf eine Nagelprobe gestellt wird", in Hin blick auf die bevorstehende Verabschiedung von Monsignore Franz Koska: Es wird eine Nagelprobe, ob Sie dafür sorgen; dass Aufenau trotzdem eine lebendige Gemeinde bleibt in der Gemeindemitglieder weiterhin die Verantwortung übernehmen." Algermissen betonte die Wichtigkeit, eine Gemeinde nicht zu "atomisieren", sie in kleine Grüppchen und letztendlich auf einzelne Personen zu teilen, und zitierte in diesem Zusammenhang Papst Benedikt XVI. mit den Worten: "mit Weggefährten gemeinsam die große Pilgerschaft zusammen weitergehen". Eine große Verantwortung, die, sofern sie von allen Gemeindemitgliedern getragen wird, für den Einzelnen dann wiederum .klein" werden mag.
Während des Gottesdienstes bezauberte der Kirchenchor St, Martin aus Bad Orb unter der Leitung von Helmuth Smota. Lesungen trugen Irmtraud Simon und Robert Kraus vor. Karolina Lamich, Willi Rieger und Elisabeth Waigand sprachen im Namen der Gemeinde die Fürbitten. Nach dem festlichen Gottesdienst versammelte sich die Gemeinde im Kulturhaus, wo sie der Sprecher des Pfarrgemeinderates Reinhold Herbert begrüßte. Am Mittagstisch sorgten Familie Metzer aus Neudorf sowie die "Churchies" der evangelischen Gemeinde Aufenau für musikalische Unterhaltung
Anlässlich der 250-jährigen Kirchweihe gibt es eine Festschrift von Monsignore Koska, die neben wunderschönen Fotos des Flügelaltars über die Geschichte der Aufenauer Kirchengemeinde und der katholischen Kirche "Zur Schmerzhaften Mutter Gottes" erzählt.

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Geschichte reicht ins 12. Jahrhundert zurück
250. Weihetag der Aufenauer Pfarrkirche gefeiert - Pfarrer Koska berichtete über die Geschichte des Gotteshauses

Quelle: Gelnhäuser Tageblatt; Dienstag, 20. September 2005
Die Geschichte Aufenaus und der dortigen Kirche reicht nachweislich bis in das zwölfte Jahrhundert hinein. Mit der Reformation zu Beginn des 6. Jahrhunderts kamen teils größere Zwistigkeiten in den heutigen Wächtersbacher Stadtteil, die erst im Jahre 1683 beigelegt wurden. Fortan war die Aufenauer Kirche eine "Simultankirche", sie wurde bis 1964, bis zum Bau der evangelischen Kirche, von beiden Konfessionen genutzt. Vergangenen Sonntag begingen die Katholiken in Aufenau den 250. Jahrestag der Weihung der Kirche. Zu diesem Tag kam auch der Fuldaer Bischof Heinz-Josef Algermissen.
Zum Jubiläumstag erschien erstmals ein Führer für die Pfarrkirche "Zur schmerzhaften Mutter Gottes". Er wurde zusammengestellt von dem Aufenauer Pfarrer, Monsignore Franz Koska und seinem Salmünsterer Amtsbruder, Dr. Michael Müller. Hierin ist nachzulesen, dass im Jahre 1167 der Bischof von Würzburg das Kloster Schlüchtern unter seinen Schutz nimmt: Hierzu gehörte auch die "basilica inuvenowe". Pfarrlich gehörte Aufenau aber zur Großpfarrei Salmünster.
Zur Zeit der Reformation hatten die Herren von Forstmeister das Patronat über die Kirche. Ein Teil dieser Familie von Forstmeister hatte: sich der lutherischen Lehre zugewandt und in der Folge gab es Streit zwischen den beiden Linien. Im Jahre 1649 kaufte der katholische Lukas Heinrich von Forstmeister seinem Bruder Johann dessen Anteil ab, Frieden gab es dennoch nicht zwischen beiden Konfessionen. Beide Seiten versuchten mit Gewalt ihre Herrschaft durchzusetzen. Erst am 23. November 1683 traten Vertreter beider Seiten zusammen und brachten nach zwei Verhandlungstagen einen Vergleich zustande: beide Konfessionen sollten das Gotteshaus gleichermaßen nutzen. Diese Regelung hatte Bestand bis zum Neubau der evangelischen Kirche im Jahre 1964.
Ein Jahr nachdem begonnen wurde, die katholischen Kirchenbücher zu schreiben wurde die heutige Kirche geweiht, nämlich im Jahre 1755. Fünf Jahre zuvor hatte ein Brand der Kirche einen größeren Umbau erforderlich gemacht und es wird vermutet, dass aus dieser Zeit auch der Turm stammt. Die heutige Kirche wurde in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts errichtet, jedoch wurde ihre Architektur im 18. und 19. Jahrhundert verändert. Die letzte größere Kirchenrenovierung wurde im Jahre 1891 vollzogen.
Die Blicke der Besucher werden im Inneren von dem großen dreiteiligen Flügelaltarbildes angezogen. Das Tryptichon hat die Krönung Mariens als zentrales Motiv. Es wurde vermutlich im 15. Jahrhundert gemalt. Nur sieben Jahre nach der Weihe des Gotteshauses wurde das Altarbild entfernt und erst nach dem Zweiten Weltkrieg entsann man sich seiner. Nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten kam es im Jahre 1955 wieder an seinen ihm angestammten Platz. Ende des vorigen Jahrhunderts musste es wieder restauriert werden.
Restauriert wurde in den vergangenen Jahren auch die im neugotischen Stil erbaute Ratzmann-Orgel aus dem Jahr 1881. Am 10. April dieses Jahres wurde sie erstmals nach neun Jahren außer Dienst wieder in Betrieb genommen. Wesentlichen Anteil an dieser Restaurierung wie an der Restaurierung des Altarbildes sowie der jüngsten Kirchenrenovierung im Jahre 1999 hat Pfarrer Franz Koska, der seit dem Jahre 1990 in Aufenau seinen Dienst versieht, allerdings am 30. September dieses Jahres in den Ruhestand tritt. Mit seinem Einsatz für die Aufenauer Kirche, mit der Einrichtung des Ludwig Nüdling Archives im alten katholischen Pfarrhaus neben der Kirche und mit der jetzigen Festschrift hinterlässt er den Aufenauern ein wichtiges Erbe.

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